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Da arbeitet man über ein Jahr auf einen Höhepunkt hin, investiert viel Zeit ins Training, in Gespräche und verliert den einen oder anderen Nervenstrang, wenns mal nicht so lief. Und dann ist der Tag endlich da – man kann an der EM im eigenen Land an den Start gehen.
Natürlich gehen einem dann irgendwie 100 Gedanken durch den Kopf, oder zumindest denkt man das. Nicht so bei mir – mein Hirn funktionierte am 6. Mai wie es eigentlich immer sein sollte – es war voll und ganz auf der Arbeitsschiene. Und so gelang es, zweimal mein optimaler Leistungszustand zu erreichen und die Leistung abzurufen, die ich von mir erwartet habe.

Qualifiktation:
Dass sich der Aufwand mit den vielen Sprintspezifischen Trainings gelohnt hat und ich definitiv einen Schritt besser geworden bin, zeigt die Quali. Bis jetzt lief ich im Weltcup 4 Qualifikationsrennen im Sprint. 2 Mal scheiterte ich an dieser Hürde knapp, zweimal kam ich knapp weiter in den Final. Immer war der Kopf und die Beine im Final dann leer und das Resultat mässig. Nicht aber dieses Jahr!
Ich war bereit und fühlte mich, als würde ich in meiner Heimatstadt laufen – vom ersten Meter an klappte die Abstimmung technisch und physisch und während dem ganzen Rennen kam nie richtig Hektik auf. Klar erwischte ich nicht überall die optimale Route, aber ich lief flüssig und sah immer die verschiedenen Varianten. Ich hatte also «alles unter Kontrolle». Und doch wusste ich nicht, ob es reichen würde unterwegs. Erst als ich dann zum zweitletzten Posten kam und die Zurufe meines Coaches hörte, war ich beruhigt – er blieb cool, ohne Hektik und so wusste ich: das wird reichen!
Und wie! Mit dem dritten Rang in der Quali holte ich mir das sehr fest erwünschte Vertrauen: Yes I can! Nur 6 Sekunden hinter Flo Howald, was für mich mein persönlicher Gradmesser der letzten Jahre ist. So kanns weiter gehen!

Rangliste Quali | Bericht SOLV | Karte Quali

Final:
Die Zeit zwischen Quali und Final nutzen wir alle möglichst optimal für die Erholung – ich denke, im Vergleich zu Zimmerkollege Daniel Hubmann kann ich da noch etwas lernen.
Im Final war ich dann wirklich richtig nervös und lief mich ungewohnt lange ein (vielleicht mit ein wenig zu vielen Sprints und schnellen Warm-Up Einheiten).
Vor dem Start spürte ich, wie das Adrenalin kam und die Freude zugleich. Dann hörte ich, wie Joey los lief und die Menge tobte. Bei mir würde es wohl ähnlich sein und so war es denn auch. Dieses Gefühl, die Startrampe runter zu rennen und so viele Fans um sich zu haben, werde ich wohl nie vergessen! Aber ich war hier um zu arbeiten und erstaunlich leicht viel mir dies. Der Fokus immer wieder auf die Situation im Hier und Jetzt gerichtet und so lief ich durch die Gassen in Mendrisio. Ich arbeitete von Posten zu Posten, sah immer mindestens zwei Routen, entschied mit abwägen und versuchte wo immer möglich Gas zu geben. Mir kam der Sprint relativ einfach vor. Meine Vorbereitung der letzten Woche war wohl einfach genügend gut, um die Stadt zu kennen von Luftbildern, Google Street view, der alten Karte und Fotos aus dem Internet.
Klar erwischte ich bei 27 Posten auch falsche Routen und verliere zum Posten 8, 11, 16, 19, 23 jeweils einige Sekunden. Aber ich kann auch nicht erwarten, immer die richtige Route zu erwischen – nicht in so einem Sprint.
Ein unheimliches Gefühl, als ich beim Überlauf war und die Zuschauer schrien, noch krasser, als ich dann beim Zieleinlauf war. Die Batterien waren zwar bereits beim Überlauf völlig leer und ich musste kämpfen, aber mit dem Ambiente wurde man förmlich ins Ziel getragen.

Am Ende resultiert der 20. Rang, mit einem für mich überraschendem Rückstand auf Rang 1 (1’08’’). Aber auf Rang 10 fehlen mir läppische 16 Sekunden, zum Diplom sind es nur 26 Sekunden. Mit dem 20. Rang war ich zu Beginn super happy. Nach der Laufanalyse mindert sich diese Zufriedenheit etwas, weil ich nicht wirklich weiss, wo ich noch viel besser hätte sein können. Normalerweise war ich oft mit einem Top-Resultat belohnt worden, wenn die Leistung so nahe am Optimum lag. In diesem Sprint nun, fehlte dieses überragende Top Ergebnis nun etwas. Klar ist der 20. Rang bei weitem mein bestes Sprint Resultat im Weltcup, aber ich hätte mir mit so einem Lauf ein Resultat in den Top 15 erhofft (was auch nur 10 Sekunden weg ist).

Rangliste Final | Bericht SOLV | Karte 

Mit zwei Tagen Abstand kommt auch die Zufriedenheit und der Hunger auf mehr. Für mein Debüt an einer EM ist der 20. Rang sicherlich gut, ebenfalls unter Anbetracht, dass ich bereits in der Quali sehr sauber durchgekommen bin. Nun gilt es, darauf aufzubauen und dann klappt das mit den Top10 oder dem Diplom in Zukunft bestimmt!